08.08. Zoetermeer-𝙋𝙤𝙥𝙥𝙤𝙙𝙞𝙪𝙢 𝘽𝙤𝙚𝙧𝙙𝙚𝙧𝙞𝙟
Wir bleiben bis 06:00 h morgens in Kotrijk auf dem Festivalgelände stehen. Dann bewegt der Bus sich in Richtung Zoetermeer. Ich werde um 09:00 h wach und fange an, das Tagebuch zu komplettieren. Ebenso muss ich die Abrechnungen für das Merchandise machen und habe also einiges zu tun.
Hoch und nieder…. immer wieder!
Es ruckelt und ruckelt und ruckelt und irgendwann habe ich das Gefühl, ich mache einen Handstand oder so was in der Art. Das Blut läuft in den Kopf und was soll ich sagen? Der Bus muss den Anhänger einen Berg herauf manövrieren, da dort das Loading Dock ist. Ich stehe auf… auch eine doofe Idee, denn der Bus rollt nochmal ein Stück vor und ich gleich mit… pfeilschnell in Richtung Tür, die allerdings geschlossen ist und die mir auch nicht aus dem Weg gehen will. Rumms… der ersten Leute werden wach. Der Bus setzt auf und nochmal Vollgas rückwärts den Berg hoch… ich schaffe es nicht mich hinzusetzen und werde mit den Fliehkräften der Physik konfrontiert… und lande wieder auf dem Boden der Tatsachen bzw. auf dem Boden des Busses. Ächz… und das am frühen Morgen.
Hallo Zoetermeer, hier sind wir.
Das Poppodium Boerderji ist eine wundervolle Konzertlocation. Das Ding wurde 1975 erbaut und war ursprünglich mal auf einer Farm gelegen. Inzwischen sieht man nichts mehr von dem, was an Landwirtschaft erinnern könnte. Als wir mit dem Ausladen anfangen wollen, sind gleich 5 Leute zur Hand, die uns mithelfen, was die Sache wahnsinnig vereinfacht. Alles geht 3x so schnell von der Hand, nur der Merchandise Stand nicht, denn der ist heute in einer „Pommesbude“.
Es geht um Zentimeter
Der Laden hatte die Idee, eine eigene Theke für den MerchBereich zu bauen und diese ist echt super, aber exakt 4,7cm zu klein und deshalb passt mein Case nicht mehr in die „Pommesbude“ rein. Ergo: Ich muss alles aus dem Case ausräumen, umfalten und anders legen, damit es am Ende reinpasst, denn: ich möchte unserem Support AFTER ALL auch den Platz lassen, den sie verdienen und brauchen.


Man hält zusammen
Kleine Supportbands bekommen oft keine Gagen oder Spritgelder bezahlt und können sich nur über den Verkauf von Merchandise finanzieren. Die Band ist damit etwas überfordert, da der Merchverkäufer auch noch auf der Bühne steht und den Stress hat, einen Soundcheck zu machen und nach dem Soundcheck alles wiederum schnell abzubauen. Demnach springe ich ohne Absprache ein und als Fans fragen, fange ich an zu verkaufen.
Ich helfe gern….

Am Ende kommt eine echt nette Summe zusammen, was a) an der Band liegt und b) an mir. Ich will da nicht arrogant sein, aber es kommt ein Fan und der sagt: „Ich nehme alle CD´s von After All“… es liegen vier CD´s aus… ich habe aber 7 verschiedene in der Box gefunden und demnach verkaufe ich dem Fan auch alle 7 CD´s, die ich von der Band zur Hand habe… er hat ja „ich kaufe alle CD´s der Band“ gesagt… und wer A sagt, der muss auch B ezahlen. So! Ganz einfach. Zack… die erste 105€ in der Kasse… die nächsten 105€ sind auch auch schnell eingenommen… so geht das! Am Ende freut sich die Band den Arsch ab und möchte mich für meine Mühen entschädigen, ich sage:
„Hey… es ist ja nicht unsere Schuld, das die Welt so ist, wie sie ist. Es wäre aber unsere, wenn sie so bliebe. Ich werde von Armored Saint bezahlt und die verlangen von mir, dass ich mit den Supportbands nett und höflich umgehe. Bedankt euch auch bei der Band“.
ARMORED SAINT machen fette Ansage

Damit ist das Thema vom Tisch. Das andere Thema sind ARMORED SAINT, denn die haben heute einen richtig guten Tag, so wie in Essen und entsprechend sehr viel Lust, diese Show zu spielen. Ich merke das schon immer, wenn die Band so ihre Züge zeigt nach dem Motto: „Heute ziehen wir eine fette Show ab!“. Und das tun sie auch.
Ich freue mich über die vielen Fans, die ich inzwischen kenne und auch über die großartigen MARTYR, die heute zur Show angereist sind. Dazu Henk von No Dust Records und viele andere, die ich jetzt schon wieder vergessen habe. Der Club ist wunderbar und gute 350 Fans haben super Platz im Laden. Zudem ist das Boerderij noch klimatisiert und den heißen Tag draußen mit gut 35 Grad, nimmt man innerhalb des Ladens gar nicht wahr.
MARTYR sind begeistert
Drinnen fließt das Bier und Strömen und ich denke darüber nach, mir einen dritten Arm am Körper dran machen zu lassen. TopSeller heute das signierte Vinyl von Armored Saint „Emotion Factory Reset“. Geht weg, wie belegte Semmel. Hammer! Setlist findet ihr im Netz. Von der Show selber bekomme ich nichts mit, weil ich in der „Pommesbude“ stehe und nach dem Turock in Essen den nächsten Rekordumsatz beim Merchandise mache. Und sorry…Den macht man nicht, wenn die Band scheiße ist.
Und deshalb berichte ich lieber folgendes: Leute wie Rick und Rop von der Band Martyr kommen mit leuchtenden Augen aus dem Laden und sagen begeistert: „Was eine geile Band!“. Was sollte ich euch dann hier noch tolles über die Show schreiben?
Man wächst zusammen…
Wir sind später im Bus zusammen und freuen uns über das geschaffte und das, was noch kommen wird. Es sind nur noch wenige Tage, die wir zusammen sind und auch wenn man manchmal einfach nur gerne nach Hause möchte, so spürt man aber auch die Liebe und das Vertrauen untereinander.
Gedanken an Jim Matheos
Ich unterhalte mich sehr lange mit Joey Vera über vergangenes, über die Gegenwart und auch die Zukunft. Über gemeinsame Freunde wie Jim Mathoes, den ich wirklich sehr in meinem Leben vermisse. Ich habe Jim Matheos sehr viel zu verdanken. Es gibt viele Menschen im Geschäft, die sich an Jim und seiner Art und Weise stören, aber ich habe Jim als einen liebenswerten Menschen mit einem sehr guten moralischen Kompass kennengelernt.
Wenn Jim etwas gesagt hat, dann hat er es auch gehalten und diese auch von seinem Gegenüber verlangt. Jim hat viele Weisheiten, die ich noch heute in mir trage und die ich auch versuche zu Leben. Seine Entscheidung nicht mehr auf der Bühne stehen zu wollen, kann ich zu 100% nachvollziehen. Jim wollte immer kreativ sein und nicht als Musiker 22,5 Stunden reisen und sich stressen, um dann für 90min auf der Bühne zu stehen. Das war nie sein Ding.
Joey und ich reden darüber. Es kommen inzwischen viele Angebote für Fates Warning rein, aber Jim ist bisher standhaft geblieben ist. Er möchte einfach aktuell nicht auf die Bühne und mir hallen die Worte nach, die er mir in Athen sagte:
„Ich bin müde von diesem Stress des Reisen und immer auf die anderen aufzupassen und alle Entscheidungen für die Band treffen zu müssen. Ich möchte nur Musik machen. Der Rest der daran hängt, den mag ich nicht und den möchte ich nicht weiter in meinem Leben haben“.
Eine Tour ist nichts für Weicheier…
Und natürlich merkt man auch bei ARMORED SAINT die Abnutzungserscheinungen. Man kann sagen, das die Band bei 12 Shows quasi 9 dafür spielt die Unkosten reinzuholen. Die anderen 3 Shows sind dafür da, dass Geld verdient wird und man davon etwas hat. Auf Dauer laugt das aus und es macht den Kopf sehr müde. Die Regenerationsphasen sind länger. Wir haben jetzt 3 Shows am Stück gespielt und morgen kommt in Geiselwind bereits die vierte Show am Stück.
Man merkt den Jungs an, das sie nach einer Pause schreien und gerne einfach nur schlafen oder lesen wollen. Einfach nichts tun und das Wetter genießen. Am Ende sind 90 Minuten Bühnenzeit purer Sport. Ein Sport für Körper und Geist. Während man den Großteil des Tages rum hängt und sich vorbereitet, geht man dann am Ende vollgepumpt mit Adrenalin auf die Bühne. Danach sackt man dann zusammen und hängt blutleer im Backstage.
Ich sehe die Band ja nach der Show und wie sie ihre Wunden lecken. Die Jungs sind alle gut Mitte 60 Jahre alt und ich kenne viele in meinem Umfeld, die in diesem Alter Probleme haben, ihre Schuhe selbst zu binden. Armored Saint hingegen Veranstalten 90 Minuten lang massiven Hochleistungssport. Ich habe selbst einige Shows mit einer Fitness-Uhr gespielt und weiß, wo der Puls da gerne mal hingeht und was da an Energiefluss weggeht. Aus dem Grund habe ich massenweise Magnesium und Elektrolyte für Crew und Band mit. Ohne dem, würde oft wenig gehen. Zudem muss ich sagen, dass die Bandmitglieder alle sehr auf sich selbst achten und sehr gesund leben. Sonst wäre das alles nicht möglich.
Über manche Kommentare kann man nur den Kopf schütteln…
Ich in einem Facebook Forum den Post gelesen, das „der Drummer und die Gitarristen schon sehr alt aussehen“. Dazu möchte ich sagen: „Ja, du F**ker, das sehen sie auch, denn sie sind 63-65 Jahre alt“. Sie haben hunderttausende von Flugkilometer hinter sich gelassen und waren oft monatelang im Jahr auf Tour und das unter teilweise widrigsten Bedingungen. Da sieht man nicht mehr aus, als wäre man zwanzig oder ähnliches. Was soll so ein doofer Kommentar. Die Band wurde 1983 gegründet und ist somit 43 Jahre alt… was denken manche Fans eigentlich? Ich finde das Alter der Band wenigstens ehrlich und würdevoll. Man sollte froh sein, wenn die Musiker sich in dem Alter noch die Mühe machen, nach Deutschland zu jetten. Man könnte es ja auch wie Jim Matheos oder Tom Angelripper machen und sagen: „Nö, keinen Bock. Leckt mich mal am Arsch“. Verständlich wäre es für mich.

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