Gastbeitrag

von Martin Sosna
So Fing es An: Sag niemals nie…

Da sind wir wieder. Ich hatte mir eigentlich gedacht, dass ich so etwas nie mehr wieder tun würde, aber erstens kommt es ja anders, und zweitens als man denkt! ARMORED SAINT kommen für das Rock Hard Festival nach Deutschland und geben anlässlich der neuenScheibe 𝙀𝙢𝙤𝙩𝙞𝙤𝙣 𝙁𝙖𝙘𝙩𝙤𝙧𝙮 𝙍𝙚𝙨𝙚𝙩 eine Party im Cafe Nord in Essen.

ROCK HARD FESTIVAL
(Foto von Hucky He)

Zu diesen beiden Anlässen begleite ich die Band und es entsteht ein Gespräch, in dem wir darüber sprechen, dass ich vor 2 Jahren zwar meinen Ausstand gegeben habe, man aber nun einen Merchandiser bräuchte, dem man vertrauen könne. Nach einigem hin und her entschließe ich mich tatsächlich, dass ich selbst mitfahre.

CAFE NORD
(Foto von Hucky He)
Martin und Nina in Action im CAFE NORD
(Foto von Hucky He)
Ich bin jung und brauche das Geld. ohne Witz!

Die Rückzahlung der Corona Hilfen hat mich finanziell arg gebeutelt und etwas zusätzliches Geld, statt Urlaub, Meer und Sonnenschein, würde der Familienkasse ganz gut tun. In Essen lerne ich auch unseren Tourmanager und Soundmann Heavy D aus Belgien kennen, der ein wahnsinnig netter und liebenswerter Typ ist. Ich sage: Ich lerne ihn kennen… aber kennen tue ich Heavy D schon seit mindestens 15 Jahren. Da war er noch Merchandiser und im Gegensatz zu mir, ist Heavy D auf der Straße zuhause und liebt es auf Tour zu sein.

Tour benötigt viel Planung

Ich hingegen bin seit vielen Jahren froh,wenn ich zuhause bei der Familie sein kann und in meinem Büro sitze. Ihr denkt jetzt: Tourtagebuch… erster Tag… Abfahrt… los geht es. Nein! Vor jeder Tour steckt viel Planung. Schon Wochen im Voraus laufen die Planungen zu dieser Tour und zig Sachen müssen entschieden werden. Vieles ist gar nicht meine Aufgabe, wie das Routing und die Korrespondenz mit den Veranstaltern. Ich entschied mich vor Jahren ganz bewusst dagegen: ich möchte kein Tourmanagement mehr machen, da es mit viel Verantwortung und Entscheidungen versehen ist.

Man ist unter anderem auch dafür verantwortlich zu schauen, das die Lenkzeiten von den Fahrern eingehalten werden und wir sicher „just in time“ an den Clubs ankommen. Weiterhin der Check, ab wann wir wo stehen können und ob es auch ausreichend Strom für den Bus gibt. Ebenso die Getränke und Essensversorgung im Bus. Mitunter sind wir 30Stunden am Stück unterwegs und jeder hat irgendwann mal Hunger oder Durst.

12 Shows in drei Wochen

Ich habe aber auch einiges zu tun, denn seit mehr als einem Jahrzehnt produziere ich für ARMORED SAINT das Merchandise. Das erste Shirt müsste sogar vor knapp 20 Jahren von mir zum Keep it True gedruckt worden sein? Ich bin mir nicht sicher, aber es ist extrem lange her. Wir müssen planen, was wir an Material für ARMORED SAINT mitnehmen wollen. Dabei gibt es sehrviele Dinge zu beachten. Es sind gerade mal 12 Shows, die wir in knapp 3 Wochen spielen.

Dieses Mal kann man ehrlich sagen, das die Band mehr reisen als spielen wird. Zudem sind ARMORED SAINT bei 4 Shows der Support von Testament, Savatage, Metal Church oder Nevermore. Bedeutet: Wir sollten nicht zu viel Merchandise herstellen, denn die Leute kommen mitunter wegen dem Headliner und nicht zwingend wegen ARMORED SAINT. Wir entscheiden uns gemeinsam für 4 verschiedene T-Shirt Designs, 2 Aufnäher und zudem die neueScheibe als CD und Vinyl. Also haben wir 8 verschiedene Artikel für ARMORED SAINT mit. Neben den 4 Shows als Support haben wir nur 4 Shows als Headliner, denn 4 andere Shows sind Festival Shows.

Mal aus dem Schema ausbrechen…

Nachdem klar ist, wie viele „Teile“ wir mitnehmen, machen wir uns an die Designarbeit. Ich finde es schön, dass ich mich mit der Idee zu einem „Soccer Shirt“ durchsetzen kann. Endlich mal ein Shirt in weißer statt in schwarzer Farbe. Einfach mal aus dem Schema ausbrechen. Das haben wir seit „LaRaza“ nicht mehr gemacht. Durch das Albumcover von La Raza, welches weiß war, bot sich damalsein weißes T-Shirt an. Es hat 16 Jahre gebraucht und wir haben endlich wieder mal ein weißes Shirt im Programm. Unglaublich.

Nachdem die Produktpalette steht, schaue ich mir den Tourplan und entscheide, dass ich vorab Ware nach Schweden, Belgien und Geiselwind sende. Diese drei Festivals erachte ich als einen fruchtbaren Boden für die Band und denke, dass es sinnvoll ist, vorab Ware dort zu haben, damit die Festivalcrews entsprechend planen können.

Nachliefern kann ich vor Ort, aber erst mal sollte ein Grundbestand vorhanden sein. Beim Brutal Assault hingegen entscheide ich, keine Ware vorab zusenden, da wir zuletzt extrem wenig Merchandise dort verkaufen konnten und das die Versandkosten nicht rechtfertigt. Den Festivals kündige ich per E-Mail an, das wir entsprechend Ware vorab anliefern werden, waspositiv aufgenommen wird. Das alles findet im Vorfeld einer Tour für mich statt.

Ich gehe dieses Mal aber sogar noch weiter undverändere den typischen Merchandise Stand und erarbeite eine Lösung, die durch meinen Freund Zottel am Ende noch „professionalisiert“ wird. Diese Lösung kostet mich ein paar Tage und ein paarEuros, aber am Ende weiß ich heute schon, dass mein „Tourleben“ extrem vereinfachen wird und dass die Leute teilweise mit einem „Boah“ da stehen werden. Lasst euch überraschen. Es werden ja sicherlich demnächst Bilder vom Merchandise Stand auftauchen.

Was springt raus beim Merch?

„Hallo Martin, ich habe eine Mail von XY bekommen. Die nutzen das Zahlungssystem YZ und ich habe da noch keine Erfahrung mit“. Jedes Festival nutzt andere Abrechnungssysteme und somit müssen wir als Band/Team damit zwangsläufig auseinandersetzen. Bei euch Fans draußen herrscht sicherlich die romantische Vorstellung, dass die Bands Merchandise abgeben, für 2000€ Ware verkaufen und dieses dann Bar ausgezahlt bekommen. Das ist inzwischen nur noch bei wenigen Festivals der Fall. Grundsätzlich gilt, dass wir auf großen Events unser Merchandise an ein Verkaufsteam abgeben, die unsere Sachen vor Ort aufhängen, präsentieren und verkaufen.

Mein Job ist es dann, dafür zu Sorge zu tragen, das ausreichend Ware vor Ort ist, diese am Ende des Events abzuholen, abzurechnen und etwaige Reste wieder der Gesamtware hinzuzufügen. Einige Events sind da sehr fair und berechnennur 15% an Verkaufsgebühren, was aber selten der Fall ist. Meist muss die Band 25% ihrer Einnahmen an das Verkaufsteam abdrücken. Bedeutet, das bei einem Umsatz von 2000€ keine 1500€bei der Band verbleiben… denn zu den 500€ die als „Provision“ für den Verkauf gezahlt werden müssen, kommen noch die landesüblichen Steuern drauf… in Deutschland zb sind es ja 19%, was amEnde 595€ insgesamt machen würde.

ARMORED SAINT sind da mit einer Punkrock Einstellung ausgestattet,

die sagt: „Probiere den bestmöglichen Preis zu finden. Wir müssen was verdienen und für die Fans muss es bezahlbar sein“. Also schaue ich, was die Festivals an jeweiligen Preisen für ihr eigenes Merchandise aufrufen und versuche mich anzupassen oder am besten: Noch darunter zu liegen. Allerdings ist das immer von der Band am Ende auch abgesegnet.

Problem der Preisgestaltung

Eine Art „Margenmaximierung“ hat die Band noch nie betrieben. ARMORED SAINT waren immer im unteren Preissegment zu finden, was es der Band aber auch oft schwer macht. Die Produktionspreise sind in den letzten 2 Jahren um gut 30% durch die Gas, Strom und Benzinpreise nach oben gegangen. Das überträgt sich auf alle anderen Bereiche… Rohwaren wieT-Shirts werden teurer, Druckfarben steigen preislich, Drucksiebe… Löhne… ich könnte stundenlangso weiter machen. Versteht es bitte richtig, wenn ihr seht, das ein Shirt zum Beispiel 30€ kostet. Das ist nicht böse von der Band, aber gerade hier in Deutschland sind die Preise beim Thema „Sprit“ von ca. 1,60€ als derTourbus gebucht wurde, auf 2,14€ den Liter Diesel gestiegen.

Diese Kosten müssen am Ende reingeholt werden. Ein Bus, der 11 Leute durch Europa fährt, verbraucht auch einiges an Kraftstoff und so ist die Band jetzt schon mit erheblichen Mehrkosten belastet. Wer glaubt, dass die Bands nur 5 Euro im Bezug für ein Shirt zahlen, der liegt weit daneben. Oft sind es inzwischen mindestens 8-10€ je nach Aufwand und Auflage eines Shirts… und es lässt sich auchnicht so rechnen, das man 25 oder 30 Euro einnimmt und dieses Geld dann vollumfänglich bei der Band bleibt.

Ich bin als „Merchandiser“ auch nicht „gratis“ auf der Tour. Sicherlich ist mein Satz der Band Armored Saint angepasst, da wir seit dem Jahr 2000 befreundet sind und seit fast 20 Jahren zusammenarbeiten. Allerdings brauche auch ich Geld, da ich etliche Unkosten habe, die bezahltwerden müssen (Mieten, Krankenversicherung, Strom, Gas etc). Man muss viele Faktoren berechnen,die in solch einem Produkt stecken. Herstellungskosten, Verkaufspersonal, Gebühren, Steuern… am Ende freuen sich die meisten Bands, wenn noch etwas an Gewinn erzielt wird.

Im nächsten Teil des Tourtagebuchs geht es mit einer bösen Überraschung weiter und das Chaos nimmt zunächst seinen Lauf.


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