GASTBEITRAG

Martin Sosna

Re-Release Listening Session im Kino Eulenspiegel

Manchmal frage ich mich, wo die Zeit geblieben ist? 1994 haben Sodom ausgiebig zur 𝙂𝙚𝙩 𝙒𝙝𝙖𝙩 𝙔𝙤𝙪 𝘿𝙚𝙨𝙚𝙧𝙫𝙚 Scheibe getourt. Ich war damals noch in der Ausbildung und hatte bereits meine eigene kleine Wohnung in Bochum-Wattenscheid bezogen.

War ich zuvor noch bei Tapping the Vein zu zig Shows von 𝐒𝐎𝐃𝐎𝐌 gereist und habe mein Ausbildungsgeld sinnlos auf den Kopf gehauen, so musste ich fortan sparsam sein und Geld für Konzerte saß nicht wirklich drin. Tom fragte mich damals in der Kneipe Wagenrad, ob ich zur Show nach Essen in die Zeche Carl kommen würde? Ich musste aus finanziellen Gründen verneinen.

Es war eine Zeit, in der ich Tom öfter im Wagenrad oder Froschkönig getroffen hatte und ich hatte auch zig „Wachturm“ und „Erwachtet“ Ausgaben aus dem Fundus meines Vaters mitgenommen, um sie im RA.SH Studio zu platzieren. Die Dinger haben sich größter Beliebtheit erfreut und mein Vater fand es toll, dass auch andere junge Menschen das Wort Gottes lesen würden. Wenn er denn nur gewusst hätte….

Tom meinte: „Klar kommst du! Ich pack dich auf die Gästeliste.“ Den Pass besitze ich noch heute und er ist mit vielen anderen Relikten auf 1×1,50m gerahmt.

32 Jahre später sitze ich im Kino „Eulenspiegel“ in Essen und wohne der „Listening Session“ zur Neuauflage von 𝙂𝙚𝙩 𝙒𝙝𝙖𝙩 𝙔𝙤𝙪 𝘿𝙚𝙨𝙚𝙧𝙫𝙚 bei. Im Vorfeld konnte man Tickets über die Kinoseite buchen und wie ich nun mal bin, klickte ich gleich auf „2“ Tickets, da ich wusste, dass ich nicht alleine gehen würde. So war es denn auch und ich hatte mit Darkness Drummer und Freund Lacky einen Begleiter an meiner Seite.

Im Vorfeld möchte ich aber eines loswerden:

Die Metalszene definiert sich immer als die „bessere und coolere Szene“. Leider ist es aber so, dass die Metal Szene weder besser noch cooler ist. Der Event ist kostenfrei und die Tickets binnen kürzester Zeit vergriffen. Im Ebay tauchen die Tickets dann für 40€ auf, was ich schon unverschämt finde. Das nur knapp 40% des Saals am Ende belegt sind, das finde ich dann schon gelinde gesagt, eine Frechheit.

Man sichert sich die Tickets und geht dann nicht hin. Schlicht verfallen lassen. Es ist jetzt meine zweite Erfahrung in diesem Bereich, die mir lehrt: „Biete nichts mehr gratis an“. Ich höre jetzt den einen oder anderen sagen: „Ja, ich war krank“, aber 60% der Leute kommen nicht und sichern sich aber die Karte? Was kurzerhand bedeutet, dass man anderen relevanten Fans somit die Chance genommen hat, diesem Event beizuwohnen. Getoppt wird das nur von Menschen, die ihre „Gratis“ Karte dann noch für Geld bei Ebay anbieten. Wenn Karten Geld kosten, dann kann man bis zum letzten Tag warten, um noch ein Ticket zu lösen, weil man ja seine „Problematik“ kennt. Ist es aber umsonst muss man sich erstmal ein Ticket sichern… geht man nicht, dann ist es auch egal. Getreu dem Motto: „War ja einen Versuch wert“.

Die Session

Nichts desto trotz herrscht eine sehr gute Stimmung im Kino, die nur dadurch beeinträchtigt wird, das eine Person fortwährend wehklagt und kundtut, das der Event erst um 20Uhr statt um 19Uhr beginnen würde. Wenn ich in eine Filmvorstellung für 19Uhr gehe, dann fängt der Film auch meistens 20min später an. Who cares?

Lacky und ich haben uns dem Tisch von Dirk und Steffi Heinz aus Gelsenkirchen angeschlossen und lassen ein flaches Gagfeuerwerk der schlechtesten Sorte ab. Was will man erwarten, wenn denn der Herr Schlagzeuger alkoholfreies Stauder trinken muss?

Andy Brings erscheint auf der Treppe und hält eine klärende Ansprache, dass man davon ausging, dass um 19.00Uhr Einlass sei und dass es nicht direkt um 19.00Uhr losginge. Ich fand das zusammensitzen schön und war dem „Verzug“ gar nicht böse.   

Der Kinosaal öffnet sich gegen 19.45Uhr. Es folgt eine kurze Ansprache, mit der Info, das wir jetzt das Album hören und danach eine Fragerunde stattfinden würde. Die musikalische Darbietung wird mit Videobildern der damaligen Tour untermalt. Passt musikalisch nicht so ganz zusammen, aber besser, als auf einen roten Vorhang zu starren. Über die Platte selbst gibt es wohl nicht viel zu berichten, denn wer kennt diesen Klassiker nicht.

Zu hart, zu räudig?

Was erwähnenswert ist, ist der Umstand, dass dem Mob eine Remix Version von Andy Brings vorgespielt wurde. In dieser Version sind die Instrumente noch mal ein wenig anders abgemischt. Der Band ging es damals ja darum, eine Härte hinzubekommen, die dafür sorgen sollte, das manche 𝐒𝐎𝐃𝐎𝐌 Fans sagen: „Das ist mir zu hart“. Ob man es glaubt oder nicht: Es ist der Band damals auch gelungen. Einigen Fans war das Material wirklich zu hart und zu räudig gewesen.

Ronny Bittner vom Rock Hard hat die Fragerunde geleitet und viele interessante Fragen gestellt. Zu der Runde gesellten sich mit Wolfgang Stach (Produzent von u.a. 𝐒𝐎𝐃𝐎𝐌, Channel Zero, Guano Apes, Elegy, Such a Surge, BAP uvm) und Andreas Marschall (Coverdesigner von 𝐒𝐎𝐃𝐎𝐌, Rage, Tankard, Risk uvm) zwei sehr interessante Gäste, die auch einiges wissenswertes zu erzählen wussten.

Den Oscar in Punkto „Coolheit“ bekommt mal wieder Tom Angelripper, der mitten im Gespräch aufsteht und mit höflichen Worten sagt:

„Ich muss ma pissen!“.

Auf die Fan-Frage ob Tom sich vorstellen könnte die einzelnen Alben wie Agent Orange, Persecution Mania oder Tapping the Vein Live aufzuführen, antwortet er schnell und sicher: „Nö“. Gelächter im Publikum. Dann fügt er hinzu:

Datt ham wa ja alles schomma gemacht bei der Agent Orange und ich fand datt kacke. Ich will nicht nur ein Album runter spielen und dann andere Klassiker weglassen. Watt soll datt? Zudem bin ich eh erst mal im Live Ruhestand.

Auf die Frage, ob er jemals auf die Bühne zurückkehren wird, gibt es keine klare Antwort. Tom genießt seine Pause und fügt an:

Wir haben noch so viele alte Sachen auf der Halde liegen, um die wir uns kümmern wollen. Als nächstes möchten wir die „Marooned“ Live Scheibe in Angriff nehmen, damit auch die Phase mit Andy Brings vollständig auf- und somit abgearbeitet ist.

Andy Brings erklärt, wie lange die Suche nach altem Video oder auch Original Tonmaterial gedauert hat und das es wahnsinnig aufwendig ist. Die Filmspulen zum Video von „Silent is Consent“ tauchten nach fast 1jähriger Suche im Archiv von Andreas Marschall auf, der wiederum zum Besten gibt:

Das ich monatelang danach gesucht habe, liegt daran, dass ich nicht immer die Filmrollen beschrifte. So war das dann eine echte Sisyphos Arbeit und es hat sehr viel Zeit beansprucht.

An die Grenzen gehen

In diesem Rahmen wird auch das Originalcover von 𝙂𝙚𝙩 𝙒𝙝𝙖𝙩 𝙔𝙤𝙪 𝘿𝙚𝙨𝙚𝙧𝙫𝙚 vorgestellt, dem Album, das eigentlich „Blitzkrieg“ heißen sollte, was aber die damalige Plattenfirma verhindern konnte. Wolfgang Stach wiederum redete auf die Band ein, das in dem Song „Erwachet“ einige Sätze sehr unklug seien und man es etwas umformulieren solle. Die Band gehorchte und ist ihm für seine Besonnenheit heute noch dankbar. Man wollte schließlich an Grenzen herangehen, diese aber nicht maßlos überschreiten.

Die Fragerunde ist sehr informativ und es dürfen auch Fans fragen stellen, die alle in einer Engelsgeduld beantwortet werden. Ich hebe mir meine Frage für nach der Talkrunde auf, da mir beim anhören des Albums eine Kleinigkeit auffiel, an die ich mich im Studio erinnern konnte.

Zum einen waren extrem viele „Sound Effekte“ damals genutzt worden. Fallende Patronenhülsen, Schüsse, Stöhnen etc.

Die Sache mit Udo Jürgens

Ein Effekt fehlte mir bei „Die Stumme Ursel“: Im Zwischenteil gab es einen Part, in dem „Merci Cherie“ von Udo Jürgens zu hören war. Dieser fehlt. Warum?

Andy Brings:

Ja, da muss man ehrlich sein. Zum einen hatten wir damals wirklich Stress mit dem Verlag und dem Management von Udo Jürgens, so dass „Aber bitte mit Sahne“ fast verhindert worden wäre. Bei dem „Merci Cherie“ Einspieler, hätten wir am Ende im digitalen Bereich viele Probleme bekommen können, so dass wir entschieden, das wegzulassen. Weiterhin wollten wir nicht schlafende Hunde wecken und für weiteren Ärger sorgen.

Um 22.20Uhr beendet Ronny Bittner die Frage-Antwort-Runde und es wurden viele Dinge in Erfahrung gebracht, die extrem interessant waren.

Ich bin Tom und Andy Brings dankbar für solch einen Event und fand es unterhaltsam. Ich fand den Aufbau bei der Darkness Listening Session zu „Deathsquad Chronicles“ zwar deutlich besser, aber dennoch möchte ich den Abend im Eulenspiegel als eine wirklich interessante Erfahrung bezeichnen, der ich gerne beigewohnt habe.

Eine der Fragen war auch, wie man es geschafft hat, der Bass so räudig und hart klingen zu lassen. Dazu fällt mir noch die interessante Geschichte ein, dass damals im RA.SH Studio ein gelber Bass der Firma E.SH stand, die Tom einen Deal angeboten hatten. Tom meinte nur: „Datt iss gelbe Borussenkacke, sowatt pack ich nicht an.“


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