Genre: Modern Thrash Metal
Release: 16.01.2026
Label: Nuclear Blast

Doppel-review

Vorwort

𝐊𝐑𝐄𝐀𝐓𝐎𝐑 blasen mit ihrem sechzehnten Album 𝙆𝙧𝙪𝙨𝙝𝙚𝙧𝙨 𝙊𝙛 𝙏𝙝𝙚 𝙒𝙤𝙧𝙡𝙙 zum Angriff. Und bei so einer Band, die jeder kennt, ist die Aufregung und Spannung immer besonders groß. Das letzte Album 𝙃𝙖𝙩𝙚 Ü𝙗𝙚𝙧 𝘼𝙡𝙡𝙚𝙨 zeigte schon eine sehr moderne Ausrichtung und wenn man die Band von früher kennt, dann haben die neuen Outputs nicht mehr mehr mit dem alten Sound zu tun. Das haben andere Bands auch schon zu genüge hinter sich, siehe 𝐌𝐄𝐓𝐀𝐋𝐋𝐈𝐂𝐀 als weltbekanntes Beispiel.

Ich bin da eher locker eingestellt und komme auch mit solchen Entwicklungen gut klar, wenn mich die Musik trotzdem noch abholt. Denn glücklicherweise gibt es noch genug (Nachwuchs-)Bands, die ganz klassischen aggressiven old school Thrash schmettern. Andere sind solchen Entwicklungen gegenüber weniger versöhnlich eingestellt, wie z.B. mein geschätzter Gastautor Martin Sosna. Der stellt sich die Frage: Ist das noch Thrash-Metal?

Dessen kontroverse Meinung kann ich durchaus ebenfalls nachvollziehen. Daher wird die Besprechung diese Platte ein Plus/Minus-Review werden. Ich mache mal den Anfang und werden meine Eindrücke schildern.

(Mein Review war übrigens schon fertig, bevor sich Martin mit seinem Beitrag angeboten hatte. Wir hatten uns am Telefon über das Album unterhalten und dann kam spontan die Idee für ein Doppel-Review.)

Review Dirk

Der Opener „Seven Serpents“ baut das Intro mit einem melodischen Gitarrenspiel auf und räumt anschließend alles gnadenlos ab. Die Drums prügeln und die Riffs fliegen! Ja, so wünsche ich mir das! Da fühle ich mich umgehend wohl. Der Song ist jedoch komplexer aufgebaut und zeigt sich in verschiedenen Facetten, so dass man schon von einem progessiven Thrash-Metal-Monster mit epischen Ausmaßen sprechen kann. Man scheut sich auch nicht Synthies ab Minute 03:30 in Form choraler Gesänge mit einzubauen, was die moderne Ausrichtung wieder einmal mehr unterstreicht und natürlich mehr Power-Metal Charakter einbringt.

Nach so einem Einstieg das Niveau zu halten, ist nicht so einfach, jedoch gelingt es 𝐊𝐑𝐄𝐀𝐓𝐎𝐑 spielend die Dynamik aufrecht zu erhalten. Auch wenn sie mittlerweile immer neue Dinge ausprobieren, so knallen sie beispielsweise mit „Blood Of Our Blood“ oder „Barbarian“ immer noch kompromisslose Knaller raus, die wild nach vorne preschen. Doch auch hier haben die Refrains eher hymnischen Power-Metal-Charakter, vor allem „Barbarian“, wo 𝐊𝐑𝐄𝐀𝐓𝐎𝐑 Im Mittelteil das Tempo kurz rausnehmen, um dann mit einem gnadenlos geilen Solo wieder durchzustarten.

„Satanic Anarchy“ schlägt in die gleiche Kerbe. Ein treibender Beat mit einem eingängigen cheesy Refrain, der zwar wunderbar ins Ohr geht, aber für mich nicht zu dem Thema des Horrorfilms „Hellraiser“ passt. Diese Filmreihe startete Ende der 80’er Jahre mit „Hellraiser-Das Tor zur Hölle“ und wurde Kult. Die höllisch brutale Ausrichtung dieser Filme passt nicht so recht zu den Sabaton-Vibes im Refrain.

Der Titeltrack „Krushers Of The World“ eröffnet mit wuchtigen Drums und bleibt im Midtempo-Modus. So stampft er kraftvoll voran, verbleibt aber bis zum Ende relativ monoton und unspektakulär. So gehört er für mich nicht zu den Highlights des Albums. „Combatans“ gehört ebenfalls in diese Kategorie, hat aber noch ein wenig mehr Power. Und mit dem harmlosen und belanglosen Schlusstrack „Loyal To The Grave“ ist die Aufzählung der Midtempo Songs abgeschlossen.

Da sind mir Song wie „Psychotic Imperator“ und „Deathscream“ lieber, welche schlichtweg interessanter klingen. „Psychotic Imperator“ zeigt wie der Opener mehr Facetten und hat epische Anstriche, geht aber hochdynamisch voran. Das rasant galoppierende „Deathscream“ ist ebenfalls nicht zu verachten und macht ordentlich Druck.

Ne extra Portion Düsternis wird dann mit dem Gastauftritt von Britta Görtz hineingeworfen. Der Song „Tränenpalast“ bindet ihre dunklen Growls ein, was ne krasse Attitüde reinbringt. Passt meiner Meinung nach super zusammen.

Fazit

Wer mit der musikalischen Entwicklung von 𝐊𝐑𝐄𝐀𝐓𝐎𝐑 kein Problem hat, der bekommt auch mit 𝙆𝙧𝙪𝙨𝙝𝙚𝙧𝙨 𝙊𝙛 𝙏𝙝𝙚 𝙒𝙤𝙧𝙡𝙙 wieder ein hochklassiges Album geboten, bei dem 𝐊𝐑𝐄𝐀𝐓𝐎𝐑 ihrem Sound einen cineastischen Anstrich verpassen und mit hymnenartigen Songs eine große Show veranstalten. Mich überzeugen zwar nicht alle Songs, aber es sind schon starke Kracher dabei. Selbstverständlich hat das Ganze mit der rohen rauen Aggressivität vom ursprünglichen Thrash Metal kaum noch was zu tun, so dass Old-School-Thrash-Liebhaber keine Freude mit dem Album haben werden.

  1. Seven Serpents (04:48)
  2. Satanic Anarchy (03:40)
  3. Krushers Of The World (04:28)
  4. Tränenpalast (04:51)
  5. Barbarian (04:48)
  6. Blood Of Our Blood (04:40)
  7. Combatants (04:08)
  8. Psychotic Imperator (05:13)
  9. Deathscream (03:59)
  10. Loyal To The Grave (05:07)
  • Miland „Mille“ Petrozza – vocals
  • Sami Yli-Sirniö – guitar
  • Frédéric Leclercq – bass
  • Jürgen „Ventor“ Reil – drums

band photo and cover art provided by NUCLEAR BLAST

Review Martin

Mein Kollege Dirk alias ‚Metalhead‘ und ich vertreten zwei unterschiedliche Meinungen bei dem Thema 𝐊𝐑𝐄𝐀𝐓𝐎𝐑. Während der eine dahin schmilzt, sitze ich in meinem Tränenpalast.

In den Zeiten, wo ein Shitstorm dem anderen folgt, wenn KI Musik in den Streaming Plattformen Einzug erhält, muss man sich fragen, warum viele der Produktionen diverser Metal Bands oft gleich und austauschbar anhören?

Wenn Drummer einen gewissen Groove beim Spielen ihres Instruments haben, dieser Groove aber durch die „Angleichung“ oder „Bearbeitung“ verloren geht, so ist die Frage der Authentizität durchaus gegeben. Auf der Scheibe könnte jeder Schlagzeuger gespielt haben, aber die geliebten „Ventor“ Vibes, die fehlen mir einfach.

Glattgebügelt

Aber beleuchten wir das Album mal nüchtern:

Die Produktion ist zeitgemäß. Glattgebügelt bis zur letzten Ecke und Kante, aber so druckvoll dass die Heckscheibe von meinem Wagen droht aus der Fassung zu springen. Die ersten drei Singles machten es schon deutlich: Man setzt auf Geschwindigkeit und versucht dabei, wie bei „Satanic Anarchy“ auch die Hausfrauen zu begeistern, die bei „Satanic Anarchy“ fluffig pfeifend durch die Bude rennen und die Bettwäsche wegräumen. Die Double Bass kommt hier fast auf Lichtgeschwindigkeit, begleitet von klassischen und melodischen Heavy Metal Gitarren, die alles sind, aber kein Thrash Metal.  

Technisch top, aber…

Das war bei 𝐊𝐑𝐄𝐀𝐓𝐎𝐑 in den letzten Jahren schon der Fall, was im generellen ja auch dass Trademark der Band geworden ist. Technisch ist das absolut top und ich höre in meinem Kopf schon den Kinderchor bei „Satanic Anarchy“ mitsingen. Es ist brachial und geht total nach vorne: die Refrains haben schon fast Kinder-Hit-Charakter. Glückwunsch… der Dieter, der Thomas, der Heck, der würde es heute als die nächste große Hitsingle ankündigen.

Wo ist die Wut?

Ich mag Thrash Metal, definiere ihn aber ganz anders. Ich mag es, wenn Thrash roh, rauh und gefährlich ist. Da gibt es junge Bands, wie 𝐕𝐈𝐂𝐓𝐈𝐌, 𝐓𝐑𝐀𝐈𝐓𝐎𝐑, 𝐌𝐀𝐋𝐄𝐕𝐎𝐋𝐄𝐍𝐓 oder auch die viel kritisierten 𝐒𝐏𝐇𝐈𝐍𝐗, die allerdings roh, rauh und räudig sind. Das höre ich ebenfalls bei etlichen alten Bands wie 𝐀𝐓𝐑𝐎𝐏𝐇𝐘, The 𝐓𝐇𝐄 𝐓𝐑𝐎𝐎𝐏𝐒 𝐎𝐅 𝐃𝐎𝐎𝐌, 𝐄𝐗𝐇𝐎𝐑𝐃𝐄𝐑 oder auch bei 𝐄𝐗𝐔𝐌𝐄𝐑, 𝐏𝐑𝐎𝐓𝐄𝐂𝐓𝐎𝐑 und 𝐏𝐎𝐖𝐄𝐑𝐓𝐑𝐈𝐏. Das hat noch Drive, so dass man den Spirit und die Wut, sowie die Mix aus Punk und Hardcore hört.

Schlager-Thrash

„Satanic Anarchy“ beinhaltet sehr viele Gitarrenriffs, die man auch super bei klassischen Heavy Metal Band wie z.B. 𝐉𝐔𝐃𝐀𝐒 𝐏𝐑𝐈𝐄𝐒𝐓 finden könnte. Im Kern ist es für mich inzwischen wütender und brachialer „SchlagerThrash“, der dann auch mit einem Gastbesuch von Britta Görtz in „Tränenpalast“ aufwartet. Nicht falsch verstehen: Ich liebe Britta Görtz, aber für mich wirkt die Collaboration eher berechnend und langweilig. Britta liefert einen super Job ab, aber am Ende ergreift es mich nicht, da es zu vorhersehbar und konstruiert wirkt.  

Fischstäbchen

Für Fans, welche die letzten 2-3 Alben der Band mochten und gefeiert haben, wird hier die Linie erfolgreich fortgesetzt und man kann sagen, das 𝐊𝐑𝐄𝐀𝐓𝐎𝐑 den „Thrash Metal“ Salonfähig oder Ausgehfertig gemacht haben. Andersrum kann man aber auch sagen, dass sich die Band quasi vom Thrash Metal emanzipiert hat und ein eigenes Ding durchzieht, welches gerne als „Thrash“ verkauft wird, wo aber rein der Definition nach kein „Thrash“ mehr drin ist. So ähnlich wie bei Fischstäbchen.  

80-Jahre Psycho

Wenn mich jetzt jemand „ewig gestrig“ nennt oder „80er Jahre Psycho“, dann nehme ich das als Kompliment. Thrash Metal sollte eine Musik bleiben, die gefährlich ist. Wo bleibt da die Rebellion? Als ich damals „Pleasure to Kill“ oder von 𝐂𝐄𝐋𝐓𝐈𝐂 𝐅𝐑𝐎𝐒𝐓 „Morbid Tales“ zuhause angemacht habe, ist mein Vater schier ausgerastet. Wenn es heute Anklang bei Radio Bob und Rockantenne Bayern Hörern findet, weil man dazu dufte die Hausarbeit verrichten kann, dann hat es leider mit dem Sinn und Zweck vom Thrash Metal nichts mehr zu tun. 

Austauschbar?

𝐊𝐑𝐄𝐀𝐓𝐎𝐑 haben sich meiner Meinung gewandelt und sind, wie auch 𝐕𝐎𝐋𝐁𝐄𝐀𝐓, 𝐒𝐀𝐁𝐀𝐓𝐎𝐍, 𝐏𝐎𝐖𝐄𝐑𝐖𝐎𝐋𝐅 und Co, Salonfähig geworden. Zweifelsohne hat die Band sich selbst perfektioniert und das Niveau immer weiter vorangetrieben, aber: Gefallen muss es mir nicht… vor allem dann nicht, wenn mein Hirn denkt: „Das könnte doch jetzt auch Joakim von 𝐒𝐀𝐁𝐀𝐓𝐎𝐍 oder Atilla von 𝐏𝐎𝐖𝐄𝐑𝐖𝐎𝐋𝐅 singen“. Und wie das funktioniert, hört man, wenn Mille von 𝐏𝐎𝐖𝐄𝐑𝐖𝐎𝐋𝐅 „Amen and Attack“ singt… warum sollte das inzwischen nicht auch umgekehrt funktionieren?

Der Erfolg gibt der Band recht, aber ich verabschiede mich hier auf dem Weg und widme mich anderen Bands, die mich in meiner gestörten Thrash Leidenschaft abholen.


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